Corona-Virus

Wiederkehrende Infektionswellen durch Corona vermeiden – Forschung zur Immunität intensivieren!

Als Parlamentarierin stehe ich in der aktuellen Krise täglich in der Auseinandersetzung um „richtig“ und „falsch“: Die rasante Ausbreitung des Coronavirus legt das uns bekannte, öffentliche und private Leben lahm und gefährdet die wirtschaftliche Stabilität. Drastische Maßnahmen, wie der allen Bürger*innen verordnete weitgehende Verzicht auf direkte Kontakte und die häuslichen oder stationären Isolationen von Covid-19 Patient*innen und ihren Kontaktpersonen, sollen die Infektionsketten unterbrechen und die Rate der Neuinfektionen eingrenzen. All die vielfältigen Maßnahmen haben das oberste Ziel, unser Gesundheitssystem vor dem Kollaps zu bewahren. Die dramatischen Bilder aus Italien hat jeder und jede von uns im Kopf und wir versuchen alles, um eine solche Situation bei uns zu verhindern.

Doch als forschungspolitische Sprecherin kann ich nicht umhin eines immer wieder zu betonen: Wir brauchen einen Plan, wie es nach der Isolation weiter geht! Zwar schwingt bei allen einschneidenden Maßnahmen auch die Hoffnung mit, dass wir schnellst möglich zum normalen Alltag zurückkehren können. Wann dies sein wird, ist jedoch zum jetzigen Zeitpunkt nicht absehbar.

Ebenso wenig ist abzusehen, wie „normal“ der Alltag bei der ersten Lockerung der aktuellen Maßnahmen werden wird. Denn mangelnde Immunität gegenüber dem Sars-CoV-2 Virus in der Gesamtbevölkerung wird voraussichtlich eine zweite oder dritte Infektionswelle nach sich ziehen, die zu ihrer Eindämmung erneut dieselben drastischen Maßnahmen erforderlich machen würden, wie wir sie aktuell erleben. Bis mehr als 70 % der Bevölkerung immunisiert sind (Herdenimmunität), wird es zwangsläufig eine ganz Weile brauchen – wenn wir die Überlastung des Gesundheitssystems verhindern wollen.

Daher betone ich immer wieder: Neben der Suche nach der bestmöglichen Behandlung des Virus, der Ausweitung der Testkapazitäten und der Forschung an einem Impfstoff braucht es jetzt vor allem einen verlässlichen Nachweis, ob eine Person immunisiert ist oder nicht. 

Denn Menschen, die immun gegen das Virus sind, könnten das normale Leben wieder aufnehmen und damit zur Stütze unseres Gesundheitssystems und der Wirtschaft werden.¹ Nur so können wir sinnvoll aus dem Kreislauf aus Isolation versus Infektionsketten rauskommen. Und das müssen wir schnellst möglich, da dieser Ausnahmezustand eben nicht unbegrenzt durchhaltbar ist.

Doch wie kommen wir dahin?

Erste Studien legen nahe, dass Menschen nach überstandener Infektion Antikörper gegen den Coronavirus entwickeln, die zumindest für eine gewisse Zeit vor der erneuten Ansteckung schützen sollten. Dieser Hypothese folgen auch führende Virologen wie Prof. Christian Drosten von der Charité Berlin und Prof. Isabella Eckerle vom Universitätsklinikum Genf.² ³ Diese ersten Ergebnisse müssen aber in breit angelegten Querschnittsstudien der Bevölkerung gemäß den Prinzipien der guten wissenschaftlichen Praxis verifiziert werden. Darüber hinaus braucht es Untersuchungen, wie lange dieser Immun-Schutz im Körper besteht und somit vor einer erneuten Ansteckung schützt.⁴ Es gibt gute Beispiele, die aktuell Mut machen und breiter verfolgt werden sollten: So hat zum Beispiel Prof. Krammers Labor an der Icahn School of Medicine at Mount Sinai, New York, serologische Tests für die Immunität entwickelt⁵, und verfolgt zudem systematisch die Entwicklung der Immunreaktion bei positiv getesteten Patient*innen. Solche Studien und Projekte werden für den weiteren Verlauf der Pandemie entscheidend sein und müssen schnellstmöglich sehr breit angelegt und zugänglich gemacht werden. Ähnliche, bzw. begleitende Projekte sollte es auch in Berlin geben, wo wir eine hohe Dichte von Patient*innen und Laboren vorweisen können.

Immunitätsdaten werden überdies für die gezieltere Modellierung der weiteren, weltweiten Ausbreitung des Coronavirus entscheidend und für die Politik handlungsleitend sein.⁶ ⁷ Die Ausbildung der Immunität im Zuge der Coronainfektion zu erforschen und Erkenntnisse über ihre Dauer zu gewinnen, muss daher in den Fokus der nationalen und internationalen Coronaforschung rücken.

Mein Fazit ist: Um erneute Infektionswellen möglichst gezielt eindämmen und bewältigen zu können, müssen ganz dringend die notwendigen finanziellen Mittel für die Erforschung der Immunisierung nach überstandener Coronainfektion zur Verfügung gestellt werden. Und zwar parallel zur intensivierten Forschungsförderung für die Impfstoff- und Medikamentenentwicklung. Dies muss sowohl auf Landes- als auch auf Bundesebene und international vorangetrieben werden.

Wie die globale Ausbreitung des Virus, ist auch die Vermeidung neuerlicher, weltweiter Infektionsketten eine globale Aufgabe, die die Vernetzung der international tätigen Wissenschaftler*innen erfordert. Auch diese muss von der internationalen Gemeinschaft mit den erforderlichen finanziellen Mitteln unterlegt werden. In Berlin können wir ganz konkret die Vernetzung der Forschungstätigkeiten unterstützen, indem wir Mittel und personelle Ressourcen bündeln und über die bereits existierenden Strukturen eine Basis für den wissenschaftlichen Austausch bieten. Dies geschieht in einer Phase der massiven Umstellung des gesamten Wissenschaftsbetriebes, der ebenfalls von den Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie betroffen ist. Diese Herausforderung müssen wir schnellst möglich meistern.

1 https://www.morgenpost.de/vermischtes/article228749355/Coronavirus-Infektion-Was-die-Immunitaet-bedeuten-kann.html [22.03.2020] 

2 https://www.mdr.de/wissen/mensch-alltag/corona-immunitaet-ansteckung-nach-genesung-100.html [20.03.2020]       

3 https://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/coronavirus-wie-geht-es-weiter-mit-sars-cov-2-a-73160cc3-8dbc-4a89-90b0-c489bfd53661 [12.03.2020]       

4 https://www.sciencemediacenter.de/alle-angebote/rapid-reaction/details/news/einzelne-genesene-covid-19-patienten-positiv-auf-sars-cov-2-getestet/       [02.03.2020]        

5 https://www.newswise.com/articles/mount-sinai-developing-an-end-to-end-diagnostics-solution-for-covid-19-that-incorporates-diagnosis-treatment-selection-and-monitoring-of-disease-course [23.03.2020]       

6 Kissler S.M., Tedijanto C., Goldstein E., Grad Y.H., Lipsitch M. (2020): Projecting the transmission dynamics of SARS-CoV-2 through the post-pandemic period, doi: 10.1101/2020.03.04.20031112; preprint, web: https://www.medrxiv.org/content/10.1101/2020.03.04.20031112v1.full.pdf+html                         

7 https://www.npr.org/sections/health-shots/2020/03/04/811146915/how-computer-modeling-of-covid-19s-spread-could-help-fight-the-virus?t=1585035906636 [04.03.2020]