Allgemein Wissenschaft und Forschung

Junge Wissenschaftler*innen und Künstler*innen im Stipendienprekariat

Die Beschäftigungsverhältnisse junger Wissenschaftler*innen und Künstler*innen in der Qualifizierungsphase nach ihrem Hochschulabschluss sind häufig durch ihre Befristung und Teilfinanzierung prekär. Mangelnde soziale Absicherung bei Stipendien verschärft die Situation zusätzlich. Auch das Land Berlin vergibt seit vielen Jahren Elsa-Neumann-Stipendien für besonders qualifizierte Nachwuchskräfte in der Wissenschaft und den küstlerischen Fächern. 452 Stipendiat*innen wurden in den letzten fünf Jahren über Vollzeit-, Teilzeit- oder Abschlussstipendien gefördert, wie meine parlamentarische Anfrage ergab, der überwiegende Anteil von ihnen promovierte in einer Geistes- oder Sozialwissenschaft.

Grundlage ist das Gesetz zur Förderung des wissenschaftlichen und künstlerischen Nachwuchses, welches zuletzt 2005 geändert wurde. Auch wenn die letzte Änderung der zugehörigen Verordnung, welche die Höhe der Stipendien festschreibt, nicht ganz so lange zurück liegt, so hat sie doch nicht zu einer substantiellen Erhöhung der Stipendien geführt, die sie in den Bereich einer auskömmlichen Finanzierung bringt. Ein Grundbetrag von 1000 € plus 103 € Sachkostenpauschale sind pro Monat, bei steigenden Lebenshaltungskosten in unserer Stadt und der Notwendigkeit den vollen Kranken- und Pflegeversicherungsbeitrag selbst tragen zu müssen, schlicht zu wenig. Ein monatlicher Familienzuschlag von 102,26 € für das erste Kind und 51,13 € für jedes weitere Kind tragen überdies mit Sicherheit nicht dazu bei, jungen Akademiker*innen die Familiengründung zu erleichtern.

Entsprechend hoch fiel auch die durchschnittliche Abbruchquote des Stipendienbezugs von 27,8 % in den letzten fünf Jahren aus. Der Wechsel auf Stellen als wissenschaftliche Mitarbeiter*innen oder die Weiterförderung durch höhere Stipendien anderer Mittelgeber*innen zeigen deutlich, dass Elsa-Neumann-Stipendien mehr als notgedrungenes Mittel zum Zweck gesehen werden, bis sich eine bessere Finanzierungsmöglichkeit findet. Eine verlässliche und auskömmliche Absicherung qualifizierter Nachwuchskräfte sollte anders gestaltet sein. Gerade die aktuelle Coronakrise zeigt einmal mehr, wie stark unsere Gesellschaft auf fundierte wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen ist. All zu oft kommen diese durch Selbstausbeutung prekär beschäftigter, junger Wissenschaftler*innen zustande. Nachhaltiger Erkenntnisgewinn muss aber auf hinreichender finanzieller und sozialer Absicherung fußen.

Für das Elsa-Neumann-Stipendium stehen dem Land Berlin alle Möglichkeiten offen, es in eine attraktive Finanzierungsmöglichkeit für die besonders qualifizierten Nachwuchskräfte unserer Stadt umzuwandeln. Dabei sollte mehr als die schlichte Höhe der Stipendien zur Disposition gestellt werden. Vielmehr könnte Berlin mit gutem Beispiel vorangehen und die Stipendien in richtige Stellen mit sozialer Absicherung für wissenschaftliche und künstlerische Mitarbeitende umwandeln. Junge Forschende könnten damit nachhaltiger wissenschaftlich arbeiten und sich ohne finanzielle Nöte qualifizieren. Wie wichtig eine deratige Förderung der nächsten Forschungsgeneration ist, zeigt uns die aktuelle Krise nur all zu deutlich.