Corona-Virus Wissenschaft und Forschung

Bericht zum Fachgespräch “Digital geprüft – Umsetzungshürden bei elektronischen Hochschulprüfungen”

Digitale Prüfungsformate haben im Zuge der Coronapandemie an den Hochschulen einen ganz neuen Stellenwert bekommen. Rechtliche Fragen im Zusammenhang mit digitalen Prüfungsformaten sowie technische und datenschutzrechtliche Hürden haben die Umsetzung elektronischer Prüfungen im Vergleich zu anderen Prüfungsformen erschwert. Gleichzeitig hat sich für die inhaltliche Umsetzung und Gestaltung der digitalen Prüfungen eine Eins-zu-eins-Übertragung der Präsenzformate häufig als ungeeignet erwiesen. Die Hürden, Ansprüche und Umsetzungsmöglichkeiten digitaler Hochschulprüfungen hat Eva Marie Plonske, Sprecherin für Wissenschaft und Forschung am 23. März 2021 mit Expert*innen der Hochschulen diskutiert.

Von Seiten der Studierenden wurden datenschutzrechtliche Bedenken geäußert, wenn mittels elektronischer Verhaltensüberwachung während der Prüfung, dem sog. Proctoring, versucht wird, das kontrollierte Setting von Präsenzprüfungen digital umzusetzen. Sowohl die Nutzung entsprechender Software als auch eingeschaltete Mikrofone und Kameras während der Prüfungen werten Studierendenvertreter*innen als Verstoß gegen die Datenschutzgrundverordnung. Bestehende Regelungen in Berlin erachten sie als unzureichend, um derartige Grundrechtseingriffe zu rechtfertigen, betonte Inga Sund vom Referent_innenrat der Humboldt-Universität Berlin. Auch die freiwillige Einwilligung der Studierenden in derartige Maßnahmen sei fragwürdig, solange die Freiwilligkeit durch fehlende Alternativen nur auf dem Papier besteht. Sie fordern klar kommunizierte und einheitliche Regelungen für digitale Prüfungen, um dem Flickenteppich der Handhabung an den Fakultäten und Fachbereichen der Berliner Hochschulen entgegenzuwirken.

Aus Sicht von Prof. Dr. Susanne Meyer, Vizepräsidentin der Hochschule für Wirtschaft und Recht Berlin, haben die Hochschulen den rechtlichen Spielraum für einheitliche, eigene Regelungen bereits. Einer weitergehenden Erlaubnis des Gesetzgebers bedürfe es nicht, vielmehr würden zusätzliche Regelungen im Berliner Hochschulgesetz sich eher einschränkend auswirken. Die Ausgestaltung digitaler Prüfungen muss jedoch den Grundsatz der Chancengleichheit berücksichtigen und damit einerseits Täuschungsversuche verhindern ohne jedoch Studierende mit unterschiedlichen technischen Voraussetzungen zu benachteiligen. Letzteres ist auch ein Argument gegen die Nutzung von Proctoring Software, da sie die Leistung des Rechners der Studierenden je nach Gerät unterschiedlich stark einschränkt. Auch aus Sicht von Prof. Meyer bestehen beim Proctoring datenschutzrechtliche Bedenken, andere Formen der Überwachung seien aber möglich, wie die ersten Urteile der Oberverwaltungsgerichte in Münster und Schleswig zeigen. Die HWR entschied sich dazu, anstelle des Proctoring ergänzend zu digitalen Open Book Klausuren stichprobenartig Kolloquien durchzuführen, um Täuschungen zu verhindern.

Viele Studierende fühlen sich durch unterschiedliche Regelungen zu digitalen Prüfungen an den Instituten verunsichert. Um dies zu verhindern, entschied die Leitung der TU Berlin schon früh, dass die Umsetzung digitaler Prüfungen nicht den Fakultäten überlassen, sondern direkt von der Hochschulleitung zentral geregelt wird. Prof. Dr. H.-U. Heiß, Vizepräsident für Lehre, Digitalisierung und Nachhaltigkeit der TU Berlin, berichtete, wie Lehrende und Prüfer*innen parallel zur Vorbereitung von Präsenzprüfungen im Wintersemester 20/21 mit Weiterbildungsangeboten auf eine komplett digitale Prüfungszeit vorbereitet wurden. Proctoring-Softwares wurden aufgrund datenschutzrechtlicher Bedenken untersagt. Prüfer*innen meldeten Bedenken an, ob sie ihrer Verpflichtung, Täuschungen zu verhindern, bei datenschutzkonformen digitalen Prüfungen nachkommen können. Die Studierenden sind nun verpflichtet, sich per Kamera zu identifizieren und diese während der gesamten Prüfung eingeschaltet zu lassen. Es gibt allerdings die Möglichkeit, einen virtuellen Hintergrund auszuwählen oder die Räumlichkeiten der TU zu nutzen und dort synchron die Klausur zu schreiben.

An der FU Berlin werden digitale Prüfungsformate bereits seit 2005 erprobt, allerdings nur vor Ort in den Digital Exam Spaces. Seit dem Sommersemester 2020 werden digitale Klausuren auf Distanz durchgeführt. Dazu nutzt die FU einen Safe Exam Browser, entwickelt an der ETH Zürich, der mit LPLUS TestStudio gekoppelt wird. Alexander Schulz, Koordinator des Arbeitsbereichs E-Learning und E-Examinations, erklärt, dass dieser kein Proctoring verwendet, sondern als eine Art Kioskmodus auf den Rechnern der Studierenden funktioniert. Er „sperrt“ die Studierenden während der Prüfung in der gesetzten Umgebung ein und schafft so für alle die gleichen Voraussetzungen. Die Lehrenden können sich entscheiden, ob sie statt der schriftlichen Präsenzklausuren Hausarbeiten, Open Book Klausuren, mündliche Prüfungen per Videokonferenz oder digitale Prüfungen mit dem Safe Exam Browser durchführen wollen.

Ulrike Rada begleitete die digitale Prüfungszeit an der TU Chemnitz im Rahmen des BMBF Verbundprojekts „Lehrpraxis im Transfer plus“. Im Sommersemester 2020 sowie im Wintersemester 2020/21 wurden Interviews, Fallstudien und Befragungen mit Studierenden und Prüfer*innen durchgeführt. Ziel des Projektes war eine didaktische Begleitung digitaler Prüfungen. Positive Rückmeldungen gab es von den Studierenden aufgrund des Gefühls durch die Möglichkeit digitaler Prüfungen kein Semester verloren zu haben. Außerdem wurden das Schreiben in gewohntem Umfeld, Zeitersparnisse und die Sicherheit vor einer Ansteckung mit dem Corona-Virus genannt. Negativ bewertet wurden hingegen die Komplikationen bei Internetproblemen, die mangelhafte technische Ausstattung sowie die Fehleranfälligkeit der Software. Die Auswertung ergab, dass kompetenzorientierte Klausuren ein digitales Prüfungssetting erleichtern und gleichzeitig Täuschungsversuche erschweren. Probeläufe vor der Prüfung sollen Druck und Angst reduzieren, genauso wie Orte mit stabilem Internet und ausreichende technische Ausstattung.

In der folgenden Diskussion mit den Teilnehmenden wurde herausgearbeitet, dass die Umstellung auf digitale Prüfungen sowohl für die Studierenden als auch die Lehrenden einen erheblichen Mehraufwand bedeutet – sei es bei den technischen Vorbereitungen oder der nötigen Kommunikation. Open Book Klausuren sind beispielsweise deutlich aufwendiger vorzubereiten, werden von Studierenden allerdings als kompetenzorientiertes Prüfungsformat geschätzt.

Abschließend fasste Eva Marie Plonske, Sprecherin für Wissenschaft und Forschung die Schwerpunkte der Diskussion zusammen:

Angesichts der knappen Zeit und dem enormen Leistungsdruck haben sowohl die Hochschulen, die Lehrenden aber auch die Studierenden großartiges geleistet, um digitale Prüfungen erfolgreich zu ermöglichen. Dennoch ist noch einiges zu tun, um diese Prüfungsform zu verbessern: Für politisches Handeln auf Landesebene ist es wichtig, dass der Mehraufwand für die Prüfenden aber auch auf Seite der Studierenden bezifferbar wird, um ihn ausgleichen zu können. Dort fehlt es noch an Zahlen. Besonders wichtig für die Chancengleichheit der Studierenden ist es, dass ausreichend Zugänge zu technischer Ausstattung geschaffen werden. Was die Software angeht, sind an den Berliner Hochschulen bereits viele gute technische Möglichkeiten und Plattformen vorhanden. Erfreulich wenige bauen auf Proctoring auf. Dieser Bereich stellt also nicht das Hauptproblem dar. Viel mehr wurde im Laufe der Diskussion deutlich, dass es eher die zwischenmenschliche Kommunikation ist, die Lehrende wie Prüfer*innen und Studierende vor Probleme stellt. Projekte wie „Lehrpraxis im Transfer plus“ liefern wichtige Erkenntnisse, damit wir digitale Prüfungen so gestalten können, dass alle mitgenommen werden. Hier brauchen wir noch mehr Evidenzen sowie niedrigschwellige Anlaufstellen für Lehrende und Studierende an den Hochschulen, um Probleme zu thematisieren und zu lösen – sowohl im Einzelfall als auch strukturell.